Fairtrade Living-Income-Programme

Im Fairen Handel legen Händler und Produzenten zusammen Mindestpreise fest, die nicht immer existenzsichernd sein können. Dazu wird eine Prämie gezahlt, für betriebliche Investitionen. Von diesen Mindestanforderungen profitiert nur ein kleiner Teil der Produzenten im globalen Süden. Eine generelle Existenzsicherung muss also das Ziel sein – für den gesamten Handel. Also muss der Hebel über den Fairen Handel hinaus angesetzt werden. Darum hat Fairtrade das Living-Income-Programm entwickelt. Hier können die Referenzpreise errechnet werden.

Fairtrade Deutschland teilt in einer Pressemitteilung vom 19. Februar mit, dass das Living-Income-Programm im März mit Lidl als erstem deutschen Unternehmen startet. Für die gesamten Eigenmarken-Tafeln wird demnach für die nächsten mindestens 5 Jahre ein ergänzender Booster gezahlt, der die Lücke zu einem existenzsichernden Einkommen schließt, einen Investitionsbeitrag leistet, um die Produktivität zu steigern, und andere Aktivitäten der Kooperative ermöglicht. Davon profitieren bis zu 10 Kooperativen in Westafrika. Dabei soll die Schokolade für die Kunden*innen nicht teurer werden.

Was bedeutet Living Income?

Hiermit sollen nicht nur die Produktionskosten gedeckt sein, sondern auch die Kosten für Ernährung, Wohnen und die Gesundheitsversorgung, sowie für Investitionen in Bildung und für den Aufbau von Rücklagen. So kann der Betrieb weiterentwickelt und ausbeuterische Kinderarbeit verhindert werden – eines der 17 SDGs, die bis 2030 erreicht sein sollen – lange ist es nicht mehr hin. Denn Einkommensarmut fördert Kinderarbeit.

Nachahmer erwünscht

Verlässliche Lieferketten und wirtschaftliche Stabilität sollten doch im Interesse jedes Unternehmens liegen. Denn wenn die Plantagen nicht bewirtschaftet werden können, fehlt der Rohstoff. Anpassungen an den Klimawandel sind kein Luxus, sondern existenziell für die Menschen, auch für die Kakaopflanzen. Wirtschaftliche Stabilität am Beginn der Lieferkette schafft Perspektiven für nachfolgende Generationen. Darum sind existenzsichernde Einkommen unerlässlich.

Nur mit existenzsichernden Einkommen können wir auch in Zukunft noch Schokolade genießen.

Living Income

In Good Company

Wir wollen im Weltladen ja nicht nur Produkte verkaufen, um den Erlös an Projekte zu spenden, in denen benachteiligte Menschen unterstützt und gefördert werden. Das ist zwar ein wichtiger Aspekt in einem Wirtschaftssystem, das Menschen, Natur und Klima ausbeutet, Lebensgrundlagen ruiniert, damit die soziale Ungleichheit verschärft und Perspektiven zerstört. Auf dieser Einbahnstraße, auf der Rohstoffe abgebaut, Produkte daraus hergestellt und eine Weile genutzt werden, um sie früher oder später wegzuwerfen, sammeln die reichsten 10 Prozent 85 Prozent des globalen Vermögens.

Spenden reicht nicht

Es geht um eine grundlegende Transformation der gesamten Wirtschaft. Darum hat das Forum Fairer Handel das Projekt In Good Company gestartet, in dem Akteure sichtbar werden, die ihre Geschäftsmodelle an die Kreisläufe auf dem Planeten orientieren, die Wertschöpfung gerecht verteilen und den Dialog über die Wirtschaft von morgen führen wollen.

In In Good Company versammeln sich nicht nur bekannte Fairhandelsunternehmen, wie Gepa, El Puente und Weltpartner, sondern auch Unternehmen, die sich außerhalb der Bubble dem Leitbild von In Good Company verschreiben, nämlich einer sozial-ökologischen Transformation, getragen von der Vision eines gerechten Welthandels und eines zukunftsfähigen Wirtschaftssystems, mit den Prinzipien des Fairen Handels als Standard.
Im ersten Report werden acht Unternehmen betrachtet.

Dazu zählt unter anderem Conflictfood. Das Unternehmen startete mit dem Handel von afghanischem Safran eines Frauenkollektivs, das statt Schlafmohn, Safran anbaut. Was klein begann, beteiligt heute 4000 Menschen, davon 2000 Frauen an der Wertschöpfung. Inzwischen gibt es Handelspartner auch in anderen Ländern, wie Ukraine, Myanmar, Palästina, Kambodscha und Mosambik.

Spenden sind Mittel, um Not- und Krisensituationen zu lindern. Handel ist das Werkzeug, sie dauerhaft zu bewältigen.

In Good Company

Unfaire Lieferketten schaden allen

Handel, naiv betrachtet, geht so: Ein Bauer, eine Bäuerin investiert Geld in alles, was nötig ist, um Nahrungsmittel auf verantwortungsvolle Weise anzubauen. Auf dieser Grundlage kalkuliert er oder sie den Preis für die einzelnen Produkte, damit anteilig alle entstandenen Kosten, folgende Investitionskosten sowie seine oder ihre gesamten Lebenshaltungskosten gedeckt sind. Zu diesem Preis bietet die Bäuerin, der Bauer die Produkte an. Händler*innen verhandeln nun mit den Produzent*innen um den Preis. Vielleicht ist dieser ja sehr großzügig kalkuliert worden. Beide Seiten haben ein Interesse an einem angemessenen Auskommen. Also einigt man sich und schließt den Handel ab.

Wäre das so, wäre der Faire Handel als Bewegung überflüssig

Doch leider ist das Engagement des Fairen Handels so dringlich wie eh und je. Das zeigen das Forum Fairer Handel und Oxfam mit den Informationen, die sie bei Lieferanten des Lebensmitteleinzelhandels eingesammelt haben. Das gemeinsame Paper zeigt die Methoden, mit denen der Lebensmitteleinzelhandel einerseits den Lieferanten existenzruinierende Preise abpresst, andererseits die Verkaufspreise erhöht und damit die eigene Marge steigert. Das ist möglich, weil sich die vier großen deutschen Supermarktketten Edeka (mit netto), Lidl und Kaufland (bilden zusammen die Schwarz-Gruppe), Rewe (mit Penny) und Aldi fast 90 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels in Deutschland teilen. Die höheren Lebensmittelpreise begründen die Einzelhändler mit gestiegenen Preisen der Marken, dabei zeigen die Zahlen, dass gerade die Preise der Eigenmarken drastisch gestiegen sind.

Produzent*innen sind diesen Praktiken ausgeliefert, mangels Alternativen zu dieser übersteigerten Marktmacht des Lebensmitteleinzelhandels. Ebenso ist es für Kund*innen schwer, sich dem zu entziehen. In ihrer Gier übersehen die Konzerne, wie sie ihre eigene Existenzgrundlage auf Dauer zerstören. 

Woher sollen Lebensmittel kommen, wenn sie nicht mehr angebaut werden können? 

Zu sehen ist das schon lange an Kaffee und Kakao, die längst unter der Klimakrise leiden, weil es zu trocken und zu heiß wird und damit die Ernten einbrechen und die Qualität sinkt. Den Produzent*innen fehlt nicht nur das Auskommen, sondern auch der Spielraum, in ihre Plantagen zu investieren, also in Anpassungsmaßnahmen oder auch nur darein, alte Bäume zu ersetzen. Weil jungen Menschen dadurch die Perspektive fehlt, wandern sie aus. In den Anbauländern fehlen die Arbeitskräfte. Für Orangen wird es selbst in Südeuropa allmählich zu heiß.

Was sind Handelsstrukturen wert, die auf Ausbeutung und Erpressung fußen?

Im fairen Handel werden Preise miteinander ausgehandelt, die nicht unter ein vereinbartes Minimum fallen. Ein Anteil wird im Voraus bezahlt, der Rest bei Lieferung. Dazu gibt es Prämien für die Produzenten. Die Zahlen sind transparent. 

Neben den Waren im Weltladen gibt es ja auch unsere Orangenaktion, ein direkter Handel mit den Produzent*innen in Süditalien. Gerade freuen wir uns auf die nächste Lieferung. Wer Interesse an einer 10 Kilokiste Bio-Orangen im März hat – die letzte Lieferung für diese Saison, schreibt einfach an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 Da gibt es alle nötigen Informationen.

Jahresrückblick

Wir blicken auf ein ereignisreiches Jahr zurück, darum gibt es etwas mehr zu lesen. Dafür gibt es mehr Zeit, denn der Blog geht in die Winterpause bis Februar.

Im Februar starteten wir das Blog-Jahr mit einem Bericht vom Kaffeeanbau in Honduras und darüber, wie die Kooperative Asoprosan jungen Menschen eine Perspektive im Land anbietet. Denn der Kaffeeanbau leidet nicht nur an der Klimakrise, sondern auch am Nachwuchs. Beiden Problemen versucht Asoprosan zu begegnen. Durch breit gefächerte Unterstützung für eine Perspektive im Kaffeeanbau, mit Starthilfen und Schulungen für den agroforstwirtschaftlichen Anbau. Damit das gelingt, braucht es langfristige Handelsverträge und faire Preise. Das Beispiel zeigt, welches Potenzial in einem echten fairen Handel steckt.
Und mit der Röstung gegen Rechts von El Puente kann jede*r das Bündnis Aufstehen-gegen-Rassismus unterstützen.

Im März ging es zur Einstimmung um das Thema der diesjährigen Fairen Woche im September: Fair handeln – Vielfalt erleben. Vielfalt der Menschen, der Lebensweisen, Vielfalt der Pflanzen und Tiere – die Basis für ein gutes Leben.
Am 22. März ist Earth Hour – eine internationale Aktion für Klima- und Naturschutz. Dazu wurde in diesem Jahr in 520 Städten weltweit für eine Stunde das Licht ausgeschaltet. In Deutschland fanden sich dazu noch viele Menschen zum gemeinsamen Singen.

Im April luden wir zum diesjährigen Weltladentag unter dem Motto »Schoki fürs Klima? Kauf ich euch ab«.
Außerdem stellten wir Slow Flower vor. Dabei handelt es sich um eine Bewegung von Floristen, die Überkonsum und Ausbeutung auf den Blumenplantagen ihr Handwerk und einen fairen Umgang mit den Produzenten entgegensetzen.

Im Mai war bereits der Earth Overshootday in Deutschland erreicht – also der Tag, an dem die Ressourcen der Erde verbraucht sind, die uns in einem Jahr zur Verfügung stehen. Weltweit fiel dieser Tag auf den 24. Juli. So früh wie nie zuvor.
Außerdem zeigten wir, warum das Lieferkettengesetz für unseren Wohlstand so wichtig ist. Und wir beschäftigten uns mit der Karlspreisverleihung an die Eu-Kommissionspräsidentin von der Leyen, die die Säge an diese Errungenschaft anlegt.

Im Juni spürten wir den Ursachen für die aktuellen Kaffeepreise nach und schrieben von Aktivisten in Harriersand, die sich gegen die Weservertiefung einsetzen, mit Unterstützung von Menschen, die am Anfang der Soja-Lieferkette stehen, wo für Soja für die Tiermast Regenwald gerodet, Wasser verseucht und Menschen vertrieben werden.

Im September ist das erste Thema die alljährliche Faire Woche – Fair handeln, Vielfalt erleben. Es braucht gar nicht so viel, um zu verstehen, welche Stabilität, Sicherheit und Wohlstand uns ein fairer Umgang in Produktion und Handel bieten kann, der sich in die Lebensverhältnisse einfügt.
Ein besonderes Ereignis für den Weltladen ist die Mitgliedschaft in der Weltpartner e.G.. Damit sind wir Teil eines Handelsunternehmens, das für faire und langfristige Handelspartnerschaften steht und sich für ihre Handelspartner auf vielfältige Weise engagiert.

Der Oktober steht mit drei Einträgen im Zeichen der Filmvorführung des Weltladens im Schlachthofkino: »The Chocolate War«. Dankbar blicken wir auf die erfolgreiche Veranstaltung zurück. Wir konnten viele Menschen erreichen und mit ihnen ins Gespräch kommen.
Fakten zur Kinderarbeit bis hin zur Sklaverei in den Kakaoplantagen sind leicht zugänglich. Etwas anderes ist es, zwei Anwälte in den USA zu erleben, die die Rechte einiger ehemaliger Kindersklaven vor einem US-amerikanischen Gericht vertreten, gegen Anwälte großer Konzerne, wie Nestlé und Cargill, die die Verantwortung für die Zustände negieren, von nichts wissen wollen, was Terry Collingsworth – einer der Anwälte – bei einem Besuch in Côte d'Ivoire leicht sehen konnte.

Im November berichteten wir von Canaan Fairtrade und den brutalen Bedingungen, unter denen die Menschen versuchen, ihr Leben zu meistern. Die Biozertifizierung der diesjährigen Ernte scheiterte daran, dass kein Prüfer dorthin reisen konnte. Die Qualität ist aber die Gleiche, auch ohne Zertifikat. Das macht den Fairen Handel aus: eine verlässliche Handelspartnerschaft, die die Probleme der Produzenten kommuniziert, anstatt Verträge zu kündigen. Denn die Existenz der Menschen steht auf dem Spiel, politisch und wirtschaftlich.
Außerdem fand die Weltpartner-Genossenschaftsversammlung statt, an der wir zum ersten Mal teilnahmen. Es war ein hoffnungsvolles Erlebnis, wie Menschen sich einem gemeinsamen Ziel verschreiben und über den richtigen Weg dorthin verhandeln können.

Dezember

Und nun wünscht  Sofair eine ruhige Winterzeit.

Die Stärken der Gemeinschaft

Über unsere Mitgliedschaft in der Genossenschaft unseres Großhändlers Weltpartner e.G. haben wir bereits berichtet. Ein Vorstandsmitglied reiste zur für uns ersten Generalversammlung Mitte November nach Ravensburg, dem Sitz der Genossenschaft.

Zu den Mitgliedern zählen Weltläden, Privatpersonen und Handelspartner. Darin sind alle Beteiligten der Lieferkette an einem Tisch, bestimmen also die Geschicke gleichberechtigt mit. Und so versammelten sich gut 140 Menschen im Saal nahe des Walls, der die Altstadt umschließt – Soester*innen kennen das.

Die Genossenschaft hat im letzten Jahr zwei nennenswerte gut Krisen überstanden, eine davon hat mit den Problemen im Westjordanland zu tun, wo die Menschen unter Angriffen radikaler israelischer Siedler leiden. Dort war es Canaan Fairtrade nicht möglich, ihr Bioolivenöl biozertifizieren zu lassen, weil kein Prüfer dorthin reisen konnte. Es hat länger gedauert, die Produkte der aktuellen Ernte endlich ausliefern zu können. Allerdings wird das Öl nun konventionell gehandelt, trotz Bioqualität.

Hier liegt die Stärke einer solchen Gemeinschaft, die die existenzielle Bedrohung immerhin abfedern kann. Die Weltläden kommunizieren dieses Problem. Kunden nehmen die Erklärung an.

Weltpartner intensiviert die Zusammenarbeit mit fairafric, einem Unternehmen, das die Kakaoernte auch in Ghana verarbeitet, wodurch die Wertschöpfung im Land bleibt und vielen Menschen Arbeit und Auskommen unter würdigen Bedingungen bieten und sich eine ganze Region entwickeln kann.

Im Foyer wurde auf einer Tafel gefragt: »Warum bist du Mitglied bei Weltpartner?«

Warum sind wir das? In fast 10 Jahren Sofair-Weltladen haben wir gelernt, dass wir dem Konsumrausch und den Konzernen etwas entgegensetzen können, das geht in Gemeinschaft auch über die Stadt hinaus noch besser.

Ein Mitglied fasste zusammen: »Weltpartnerhandel ist Friedensarbeit«.